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Schulleben (2020/2021)

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Gewinnertexte des Schreibwettbewerbs "Feder des Kranichs"

Tatatata!!!!!!!!!!!! Die Gewinner des Schreibwettbewerbs stehen fest. Zuerst aber unser Dankeschön an die über 30 Teilnehmer, die alle wunderbare und lesenswerte Gedichte und Geschichten eingereicht haben.
Es war eine schwere Aufgabe für die Jury "nur" 3 Gewinner herauszusuchen!
1. Preis: Romy Karolus, 10a
2. Preis: Sophia Simeth, 9b
3. Preis: Aliya Yargici, 10a & Alba Deiure, 10a



Natürlich ist es gerade für die SchülerInnen der Unterstufe eine echte Herausforderung gegen die Schreibkünste der älteren SchülerInnen zu bestehen. Deswegen ist es uns wichtig darauf hinzuweisen, dass unter den besten 10 Beiträgen auch Beiträge aus der Unter- bzw. Mittelstufe waren. Gut gemacht!
Bleibt dran und teilt eure Ideen und Gedanken auch in 2 Jahren, wenn der nächste Wettbewerb stattfindet, wieder mit uns.



Außerdem möchten wir die Texte folgender SchülerInnen besonders loben:

Schönster Vers im Gedicht: Maria Salsa, 6g

Klug verwobene Motive und Wortspiele: Lena Rührmair, 7b

Spannungsreiche Dialogführung und ironisch-pointierte Personenzeichnung: Szilivia Tasnadi, 9c

Klare und wahre Worte über eine ungewöhnliche Freundschaft: Claartje Löbner, 5c

Mitreißende Zeilen über Lebenslust und Lebensmut: Liska Gnan, 9b

Berührende Gedanken über Angst und Ungewissheit: Esmée Ludwig, 9c


Die Jurymitglieder Iris Röll (Elternbeirat),
Samuel Friese, Lucie Augustin, Louis Vo, Mathilda Lohmann (SchülerInnen),
Anita Rätzke, Carsten Ahrens-Auerbach, Dr. Monika Schürmann (FS Deutsch)

Ein großes Dankeschön an den Elternbeirat, der die Preisgelder des Wettbewerbes unkompliziert und großzügig zur Verfügung stellte.



PLATZ 1 ROMY CAROLUS
Am Geländer


,,Wie würdest du das Leben beschreiben?", fragt mein Bruder als wir die Treppe zur Brücke hinauf steigen.
,,Hm", sage ich, ,,ich fürchte, es gibt keine geeignete Buchstabenkombination, um auf diese Frage zu antworten."
,,Ne, jetzt sag mal", er bleibt kurz stehen, um seine heruntergerutschte Socke wieder über die Ferse zu ziehen.
,,Das Leben ist eine Treppe", versuche ich es. ,,Da ist ein Junge, der stolpert und fällt, als er versucht sie hinaufzusteigen. Er fällt immer wieder. Wenn er einmal stolpert, fängt er sich nur schlecht wieder. Irgendwann gibt er auf und bleibt liegen."
Mein Bruder sieht mich nicht an und läuft schneller.
,,Und niemand hilft ihm auf?", fragt er harsch.
Jetzt ist er oben angekommen und sieht mir entgegen.
,,Vielleicht, aber nicht sehr wahrscheinlich", schnaufe ich, ,,niemand will mit stolpern."
Langsam steigt er über das Absperrband, überquert die Brücke, und schwingt sich auf das Geländer.
,,Dann ist da ein Mädchen", sage ich, ,,das sieht den Jungen gar nicht, denn es rennt die Treppe hinauf, den Blick hat es immer auf die nächste Treppenstufe geheftet. Sie hat Angst zu fallen, und sie hat Angst, etwas zu verpassen oder zu vermasseln. Deshalb rennt sie so schnell. Das Leben wartet nämlich nicht."
Ich bin vorsichtig neben ihn auf das Geländer gerutscht und schaue, es fest umklammert, auf die mit Margeriten überwucherten Gleise ein gutes Stück unter uns.
,,Dann sieht sie ihn also gar nicht richtig an?", fragt er leise.
Ich drehe meinen Kopf zu ihm. Er hat sein Gesicht abgewandt und kneift die Augen leicht zusammen; die Sonne blendet. Seine blassen Finger umschließen das Geländer locker, der Wind bläst das T-Shirt um die schmale Figur herum auf.
,,Nein", erwidere ich, ,,nein, sie rennt ja so schnell, im Kopf nur die Stufe, die sie für die letzte hält. Jemand anderes hingegen mustert die Stufen ganz genau und erkennt jeden Riss und jede Macke, jeden Krümel und Fußabdruck. Auch möglich, dass er alles so genau anschaut und so viel nachdenkt, dass er vergisst weiter zu gehen."
,,Er kommt also nie oben an?" Er lässt eine Hand los und trommelt mit den Fingern auf das Metall.
Ich schüttle den Kopf. ,,Es gibt kein Oben und Unten. Die Treppe ist Betrachter-Sache. Für manche ist jede Stufe riesig und breit und für andere geht sie um viele Ecken. Bei manchen hört sie irgendwann auf und andere laufen immer weiter."
Ich zucke zusammen, als ein Güterzug unter uns mit ohrenbetäubendem Lärm hindurch-rauscht. Bei der Lautstärke möchte ich mir die Ohren zuhalten, traue mich aber nicht, das Geländer loszulassen.
,,Das Leben könnte auch ein Bahnhof sein", schreie ich. Der Zug entfernt sich.
,,Es gibt viele Züge, die man verpasst, oder deren Türen man nicht aufbekommt. Die Züge fahren nach Schmerz, nach Liebe, nach Verantwortung, nach Gefahr, nach Risiko oder nach Sicherheit."
,,Aber den Zug kann ich mir nicht aussuchen!" Er kickt sich einen Schuh vom Fuß und scheint dabei fast den Halt zu verlieren.
,,Nicht immer", antworte ich betont ruhig, ,,es gibt sehr viele Züge, und je nachdem in welchem man landet, verliert man mehr als man gewinnt, oder andersherum. Doch je mehr Züge man nimmt, desto lebendiger wird man, und desto freier."
,,Dann möchte ich umsteigen." Jetzt lehnt er sich nach hinten und legt den Kopf in den Nacken.
,,Versuch es. Bestimmt gibt es viele Züge, die du noch nicht verpasst hast. Du brauchst nur noch einen Koffer mit viel Mut und Zuversicht."
Er stöhnt nur verächtlich: ,,Den verlier ich doch sowieso." Wir schweigen kurz, ich weiß nicht so recht, was ich darauf antworten soll.
Er dreht sich zu mir um: ,,Und hält der Zug auch irgendwo an?"
Ich überlege kurz. ,,Schon", sage ich. ,,Allerdings an einem Gleis, an dem schon die nächsten Züge warten. Je nachdem, wo du aussteigst, bieten sich neue Mitfahrgelegenheiten "
,,Aber es gibt eine Endstation." Sein Blick wandert nach unten, zu den Gleisen.
,,Falsch", entgegne ich entschieden, ,,das Netz ist unendlich; und wahrscheinlich sind das auch die Verknüpfungen unserer Schicksale."
Und fast sage ich: Wenn du dich während der Fahrt aus dem Fenster stürzt, ändert sich auch die Reise der anderen.
Eine Weile schweigen wir wieder; ich betrachte seine unruhigen Hände, die ständig ihre Position am Geländer wechseln.
,,Ich denke", sagt er schließlich zögerlich, ,,das Leben ist ein Lied. In dem Lied wird geflüstert und geschrien, gesungen, gesummt und geschwiegen. Es ist schnell und langsam und gleichmäßig, schief und holprig und langweilig, schön und hässlich und lang und ganz kurz."
,,Und wer schreibt dein Lied? Und wer singt es?", frage diesmal ich.
,,Mit dem Lied ist es ähnlich, wie du es mit der Treppe beschrieben hast. Jeder kann es anders betrachten: Du schreibst deine Strophen, aber jemand anderes den Refrain. Im Lied von anderen kannst du alles sein: Der Backgroundsänger, die Gitarre, das Klavier oder das Schlagzeug, das den Rhythmus vorgibt."
,,Und was bist du in deinem Lied?", frage ich vorsichtig.
,,Das ist das Problem", er sieht mich ernst an. ,,Ich fürchte, ich kann als einziger keine Noten lesen."
Die Antwort berührt mich; ich lege meine Hand auf seine; sie ist ganz schmal und etwas verschwitzt.
,,Es ist zu früh, das Lernen aufzugeben. Und solange kannst du improvisieren", sage ich.
Er schüttelt den Kopf, zieht die Hand weg, streckt sie gen Himmel und lässt den Arm dann fallen.
Ich seufze. ,,Oder du hörst einfach bei den anderen zu und lernst es auswendig."
Er grinst und lehnt sich weit nach vorn, sehr weit. ,,Von allen Zügen, werde ich diesen ganz bestimmt nicht nehmen."





PLATZ 2 SOPHIA SIMETH
Das Schicksal spricht das letzte Wort


21.05.2020, 14:30 Uhr. Die Straße ist wie leergefegt. Nicht einmal die Kinder sind auf dem Fußballplatz. Nichts bewegt sich. Zumindest beinahe. Nur eine kleine Spinne krabbelt die Fassade eines großen Altbaus hinauf. Auf dem Fensterbrett angekommen beginnt das zierliche Tier mit seinen silbern glänzenden Faden, ein Netz entlang des Fensterrahmens zu spinnen. Es ist so beschäftigt mit seiner Arbeit, dass es gar nichts von dem Geschehen auf der anderen Seite des Fensters mitbekommt.

Eine angespannte Stille herrscht im stickigen Gerichtssaal. Keiner traut sich, auch nur ein Geräusch zu machen. Man sieht dem Richter, einem älteren Herren, deutlich die Anspannung an. Das dunkelbraune, schüttere Haar klebt auf seiner verschwitzten Stirn, während er mit zitternden Fingern seine rabenschwarze Robe zurechtrückt.
Der Richterhammer durchbricht die bleischwere Grabesstille und der Richter erhebt das Wort: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen allen, dass Sie so zahlreich gekommen sind. Ich eröffne hiermit das Verfahren und bitte die Klägerin, uns ihr Anliegen zu schildern.“ Eine junge Frau im fliederfarbenen Kleid steht selbstsicher auf und beginnt zu berichten: „Der Angeklagte hat nicht nur das Leben sämtlicher Menschen auf den Kopf gestellt - oder sollte ich sagen zerstört? – , sondern auch Leute in den Wahnsinn getrieben und sogar tausende in den Tod. Man muss dem eine Grenze setzen!“ Der Richter nickt der Frau zu und ruft: „Zeuge 1, betreten sie bitte den Gerichtssaal!“ Ein kleines Mädchen mit Latzhose und einem ordentlichen Dutt betritt schüchtern den Saal und stellt sich verlegen neben die Klägerin. Sie wartet, bis der Richter ihr ein Zeichen gibt und beginnt aufgeregt mit ihrer Piepsstimme zu erzählen: „Hallo, also ich bin Charlotte, gehe in die 3. Klasse und wegen des Angeklagten habe ich seit Längerem keine Schule und komme überhaupt nicht mit dem ganzen Schulstoff zurecht. Mein Vater hat nicht genug Zeit, mir alles zu erklären, weil er ständig arbeiten muss, seit Mama gestorben ist. Außerdem ist es zu Hause, so ganz allein, total langweilig und doof.“ Sie streift sich nervös eine Strähne, die sich aus dem Haar gelöst hat, hinter die Ohren und sieht den Richter erwartungsvoll an. Dieser lächelt freundlich und sagt: „Danke, du darfst dich setzen.“ Das Kind setzt sich und der Richter ruft den zweiten Zeugen herein. Die Tür wird regelrecht aufgestoßen. Ein gut genährter Mann mit hochrotem Kopf stürmt in den Saal. Ohne auf ein Zeichen des Richters zu warten beginnt er außer sich vor Wut zu reden: „Der Angeklagte hat mein Leben zerstört. Wissen Sie, meine Mutter hat, als sozusagen ihr Lebenswerk, einen Blumenladen aufgebaut und an mich weitervererbt. Mein Leben lang habe ich darin gearbeitet und es geliebt. Ich hatte Erfolg und verdiente genug, um damit gut zu leben und glücklich zu sein, aber jetzt ist alles vorbei. Wegen des Angeklagten musste ich ihn schließen und bin bankrott.“ Er wischt sich mit einem Tuch über die Stirn und fährt fort: „Oh, Sie können mir nicht glauben, wie mich das getroffen hat. Das ist so eine verdammte ...“ „Beruhigen Sie sich doch.“, unterbricht der Richter den Herren sachte. Bevor der Zeuge überhaupt antworten kann, fährt der Richter fort: „Ich denke, wir haben genug gehört. Ich danke Ihnen vielmals.“ Sichtlich verdutzt darüber, dass er unterbrochen wurde, setzt sich der Mann. Nach einer kurzen Schweigepause bittet der Richter den dritten und auch letzten Zeugen in den Gerichtssaal. Eine alte Dame mit grauem Haar, das sie in mit einer verzierten Haarnadel hochge-steckt hat, und einer mit Blumen bestickten Strickjacke betritt, auf einen Stock gestützt, schwerfällig den Saal und stellt sich neben die Klägerin. Sie wartet auf ein Zeichen und beginnt, mit zittriger Stimme zu berichten: „Ich habe schon vieles erlebt: Kriege, Inflation, Hunger. Doch so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Seit der Ange-klagte hier sein Unwesen treibt, können mich meine Enkelkinder nicht mehr besuchen. Ich vermisse sie doch so und - wer weiß, wie lange ich noch lebe.“

Nachdem die letzte Klägerin Platz genommen hat, wendet sich der Richter dem Anklagten zu: „Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“
Der Angeklagte zögert kurz und beginnt dann langsam, mit sanfter Stimme zu reden: „Ich verstehe eure Anliegen alle, - aber sind es nicht schwere Aufgaben, die uns stärken und zusammenwachsen lassen? Und nicht nur Schlechtes habe ich mit mir gebracht: Die Straßen sind leer. Keine Abgase! Kein Stau! Endlich Zeit für die Familie! Mehr Freizeit, um Neues zu entdecken und auszuprobieren! Außerdem habe ich doch erst angefangen. Wer weiß, was noch kommen wird? Niemand kennt die Zukunft...“
Der Angeklagte beendet seine Rede und eine nachdenkliche Stille breitet sich in dem überhitzten Gerichtssaal aus. Schließlich gibt der Richter kund: „Die Geschworenen ziehen sich jetzt zurück, das Urteil wird in Kürze verkündet.“ Ein Raunen geht durch die aufgeregten Anwesenden. Der Zeiger schreitet voran...
Es ist scheinbar eine Ewigkeit verstrichen, als der Richter endlich wieder zum Gerichtspult schreitet. Feierlich erklärt er: „Hiermit verkünde ich das Urteil. Was den Klägern und vielen Anderen angetan wurde, ist unentschuldbar, aber wir haben beschlossen, dem angeklagten Jahr 2020 eine zweite Chance zu geben. Eine, zu der es uns wieder frei und unbeschwert leben lassen kann. Für uns alle soll gelten: Das Leben wartet!“

Bald herrscht in dem Saal wieder gähnende Leere. Die Tür öffnet sich und eine Putzkraft schiebt ihren Wagen in den Raum. In Gedanken ist sie schon bei ihren Kindern, nur noch ein Fenster, dann ist Feierabend. Als sie das große Fenster am Ende des Gerichtssaals quietschend öffnet, entfährt ihr ein gellender Schrei. Schnell ergreift sie ein Tuch und zerquetscht damit die ahnungslose Spinne, die gerade ihr prachtvolles Netz vollendet hatte.



PLATZ 3 ALBA DEIURE
Labyrinth


Wo sind alle hin?
Ich will rennen, doch ich weiß nicht, wohin.
Allen möglichen Gefahren ausgesetzt.
Was mach‘ ich jetzt?
So viele unbeantwortete Fragen.
Jetzt muss ich die Last ganz alleine tragen.

So unüberwindbar und fremd ragen sie über mir.
Die Wände meines ganz persönlichen Labyrinths
Links, rechts? Oben, unten? Geh‘ ich weiter oder bleib‘ ich hier?
Früher hab‘ ich mich immer beschwert
Doch nun hätte ich gerne wieder die Verpflichtungen eines Kinds.

Ich kämpfe mich durch das Dickicht
Doch es ist kein Ende in Sicht.
Mann oder Frau oder doch etwas dazwischen?

Wer bin ich? Wen lieb‘ ich? Wen will ich küssen?
Verlobung, Hochzeit, Kinder.
Oder doch nur ein bisschen Swipen auf Tinder?

Die Reise ist mühsam und fällt schwer.
Stück für Stück eröffnet sich mir immer mehr.
Mehr von einer Welt voller Neuanfänge, Möglichkeiten, Freiheit.
Ich habe Felsen aus dem Weg geräumt, Klippen überwunden, ertrug Kummer und Leid.
Bald ist es soweit.
Ich seh‘ ein Licht am Ende des Tunnels, es ist nicht mehr weit.

Ein letzter Blick, ein letztes Mal.
Der dichte Nebel löst sich auf.
Ich reiß‘ mich los von der Qual.
Nichts hält mich mehr zurück.
Und ich lauf‘, lauf‘, lauf‘.

Die Farben sprudeln nur so aus mir heraus.
Endlich bin ich zu Haus‘.
Ich kann tun und lassen, was mir gefällt.
Ja, ich bin König der Welt!
Plötzlich wird mir alles klar und ich merke:
„OMG, das Leben wartet …“




PLATZ 3 ALIYA YARGICI
Voller Herzen


„Wie viel Mal noch schlafen?“
„Noch zwei Mal schlafen.“
„Zwei Mal schlafen und dann hab‘ ich Geburtstag?“
„Ja, zwei Mal schlafen und dann hast du Geburtstag.“

Ja zwei Mal schlafen, dann hat sie Geburtstag, die kleine Maus.
Sieben wird sie dann.
Sieben Jahre alt.
Wobei, kann man da überhaupt „alt“ sagen?
Ist sie nicht eher noch viel zu jung für diese Welt?
Es kommt mir wie gestern vor, die Zeit, in der ihr Kopf noch zu schwer zum Heben gewesen ist.
Die Zeit, in der sie immer diesen Sabbertropfen am Kinn gehabt hatte, in dem sich fröhlich das Licht gebrochen hat, und kräftig mit ihren kurzen Beinchen in der Luft gezappelt hatte, als hinge ihr Leben davon ab.
Es kommt mir vor, als hätten meine andere Schwester und ich uns erst gestern darüber gestritten, wer die Reste des Babybreis aufessen darf.
Der war zu der Zeit voll der Renner gewesen.
Gries mit zermatschten Bananen und zermatschten Himbeeren.
Das Beste, was es gibt.
Es kommt mir vor, als hätten wir der Jüngsten von uns erst gestern beim Baden zugesehen. Zugesehen, wie sie das runde Gesicht verzieht, wenn Papa erbarmungslos Wasser mit einem kleinen Becher über ihren kleinen Kopf schüttet und sie zum Prusten bringt.
Es kommt mir vor, als hätte Papa erst gestern mit seiner Videokamera aufgenommen, wie die Kleine zum Blumentopf gerobbt ist, um ganz neugierig hinein zu greifen, sich daran hoch zu ziehen und hinein zu schauen.
Die Faszination Blumenerde.
Es kommt mir nicht vor, als wäre dies alles nun schon über sechs Jahre her.
Ich weiß noch, wie ich sie herumgetragen habe, meine kleine Schwester, dieses kleine Würmchen, das sie damals noch war. Wie ich vor allem am Anfang noch darauf geachtet habe, ihren Kopf zu stützen, da der ja noch viel zu schwer gewesen ist.
Ich weiß noch, dass ich ihr damals ein Mobile gebastelt habe.
Aus Weinkorken hatte ich Vögel gemacht, die ich dann auf Schaschlikspieße geklebt habe.
Doch meine kleine Schwester hat dem Mobile nie wirklich zusehen können.
Es ist schon auseinandergefallen, als ich es im Krankenhaus das erste Mal über sie gehalten habe.
Das arme Baby.

Ich habe über die Jahre gar nicht wirklich mitbekommen, wie sie gewachsen und älter geworden ist.
Letztes Jahr war ich zu ihrem Geburtstag kaum da gewesen.
Ein langer Schultag und Klavierunterricht hatten mir die Möglichkeit verwehrt mit ihr ihren sechsten Geburtstag zu feiern.

Meine kleine Schwester ist ein fröhlicher, manchmal überschwänglicher und liebevoller Mensch.
Sie legt mir ihre Arme um den Bauch, schaut mich von unten an und sagt:
„Ich liebe dich voller Herzen!“
Wie viele Menschen gibt es, die „voller Herzen“ lieben?
Nur einen, und das ist meine kleine Schwester.
Manchmal liebt sich auch noch „voller Sterne und Regenbogen und Weihnachten und Silvester.“
Sie bringt die größte Klimax zu Stande, die ich je gehört habe.
Manchmal habe ich das Gefühl, erwürgt zu werden, wenn sie ihre dünnen Arme um mich schlingt und so fest drückt, dass man kaum die Kraft, die dieses kleine Wesen aufbringt, glauben kann.

Dein Rock ist voll schön und dein Oberteil und deine Haare“, sagt sie oft.
„Ich bin schön!“, betone ich dann immer gerne, woraufhin sie mir ganz fest zustimmt.
Mein Bruder schaut uns dann immer verständnislos an, bei drei Schwestern macht er das oft.
Er versteht wohl nicht, wie ich gleichzeitig cool und schön sein kann.
Denn auch, wenn er mir immer das Gegenteil eintrichtert, weiß er tief in seinem Innern, dass ich der coolste Mensch hier auf Erden bin.
Denn warum sonst sollte ich Vitamin-D-Down-Cool Tabletten nehmen, wenn nicht, um wenigstens ein bisschen meine überbrodelnde Coolness zu unterdrücken?

Meine kleine Schwester singt sehr gerne zu ihrer CD der Eiskönigin, macht ihre Wimpern nass, damit sie dunkler sind und schmiert sich Pflegelippenstift auf die Lippen.
Sie ist dann in ihrer eigenen Welt, doch weiß ich auch, dass das nicht immer so bleiben wird.
Sie wird älter werden, sich mehr für Jungs interessieren, vielleicht auch etwas mehr Schminke außer Wasser und Pflegelippenstift besitzen wollen.
Irgendwann wird sie nicht mehr „voller Herzen und Sterne und Regenbogen und Weihnachten und Silvester“ lieben.
Irgendwann wird sie vielleicht erkennen, dass ich nicht wirklich die coolste Person auf Erden bin und bei Weitem nicht die schönste.
Ich kann mir schon ausmalen, wie ein richtig rebellischer Teenager aus ihr wird.
Wenn ich mir vorstelle, was noch alles auf sie zukommen wird, wünsche ich mir nur, dass sie ihr jetziges Leben genießt.
Denn, umso älter du wirst, desto mehr Sorgen hast du.
Jetzt ist sie noch das kleine Mädchen mit den winzigen Sommersprossen auf der Nase und dem Schulranzen, der viel zu groß für ihren kleinen Rücken ist und beim Rennen auf und ab hüpft.
Jetzt ist sie das kleine Mädchen, das auf dich zu rennt, seine Arme um deine Mitte schlingt, das Gesicht in deinen Bauch drückt, dann zu dir hoch sieht und sagt:
„Ich liebe dich voller Herzen.“

Jetzt noch zwei Mal schlafen, und dann wird die kleine Maus sieben.
Und ich denke an den Tag zurück, an dem ich sie das erste Mal in diesem Krankenhaus gesehen habe.
Ich denke an den Tag zurück, an dem mein erstes Geschenk an sie über ihrem Kopf auseinanderfiel und sie aufweckte.
Ich liebe dich auch voller Herzen, mein Schatz.




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